Archive für Dezember 2006

Zeit zum Reden


Liebe Leser,

endlich habe ich es geschafft, den Blog Prozess- und Informationsmanagement zu aktualisieren. In der Weihnachtszeit ist das gar nicht so einfach. Jeder ist im Stress. Zum Glück ist das Jahresende in Sicht und dann - so hoffe ich - werden hier mit zunehmender Regelmäßigkeit neue Beiträge zu finden sein. Also bevor ich es vergesse:


Ich wünsche Ihnen ein ruhiges und besinnliches Weihnachtsfest und ein erfolgreiches Jahr 2007.


Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit, die Knowtech in München zu besuchen. Für mich nun schon das 3. Mal hat diese Veranstaltung wieder einmal meine Sicht auf das Thema Wissens- und Informationsmanagement bestätigt. Gleich zu Beginn wurde eine Key Note von einem Vertreter der Firma S.Oliver gegeben. Und da waren sie wieder, die schier unglaublichen Zahlen, vom Megabyte zum Gigabyte auf der nach oben offenen WSA-Skala (wir-speichern-alles). Vorgestellt wurde in diesem Zusammenhang auch eine “Kleinstlösung” für mobile Vertreter des Unternehmens. Auf den Rechnern, so der Vortragende, wäre allerdings nur ein Teil der Gesamtdaten zu finden. Daraufhin die Frage von einem der Zuhörer, ob die “wenigen” Megabyte denn zum Arbeiten ausreichen würden. Die Antwort: “Ja, aber …”

In einer der Foren der Knowtech ein ähnliches Bild. Gerade wird darüber diskutiert, wie man am besten die Methode des Storytelling im Unternehmen einsetzen kann, schon fragt jemand, ob es nicht besser wäre, solche persönlichen Geschichten irgendwo im Intranet eines Unternehmens abzulegen. Dann müßte man sie nicht mehr erzählen, was eh zu viel Zeit kostet, und jeder im Unternehmen (global gedacht) könnte die Geschichte sofort lesen. Alles viel effizienter! Aber auch effektiv, also wirkungsvoll?

Ich glaube, hier liegt der Casus Knaxus. Wir sind nicht nur, was unseren Umgang mit Informationen betrifft, wieder auf der evolutorischen Stufe der Jäger und Sammler angelangt (siehe 1. Post); wir haben es außerdem verlernt, miteinander zu reden, wirklich zu kommunizieren. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden heute weitgehend virtualisiert: E-Mail, Podcasts, Blogs (ok - ich geb es zu, diese Technologien haben auch gute Seiten), SMS usw.

Hierzu eine kleine Anekdote. Schon seit langem frage ich mich, wozu man SMS eigentlich braucht. In der Regel ist ein Anruf viel preiswerter und das Ergebnis klarer. “Schatz, ich komme gegen 19:00 Uhr. Oh, der Besuch ist schon da! Ja, ich beeile mich.” Kurz, prägnant, jeder weiß bescheid. Nichtsdestotrotz beobachte ich in meinem privaten und beruflichen Umfeld vor allem Frauen (siehe Bild - gab es lizenzfrei bei Google Bilder - wie war das mit Informationsmüllhalden???), die nichts lieber tun, als zu SMSen. Gut, sie sind damit fast genauso schnell wie ich mit meinem Anruf. Unglaublich, dass man sein wertvolles Leben dazu verwenden kann, um zu lernen, wie man innerhalb von 1 Minute auf einer Telefontastatur 20 Wörter bzw. Abkz., oh ich meinte Abkürzungen, schreibt. Was die Affinität der Frauen zu SMS betrifft hatte ich eine Theorie. Kennen Sie das noch: Zettelchen schreiben und Poesie-Alben befüllen. Zumindest während meiner Schulzeit eine “Mädchensache”. Für mich lag der Schluss nahe, dass diese Aktivitäten in SMS eine technologisch unterstützte Fortsetzung gefunden haben. Doch weit gefehlt. Als ich diese Theorie mit meinen Kolleginnen teilte, wurde mir bestätigt, dass man vor allem deswegen SMS schreibt, um nicht sofort mit der Reaktion des Informationsempfängers umgehen zu müssen. Bloß nicht seinen oder ihren Gesichtsausdruck sehen oder auf Rückfragen reagieren müssen - Horrorvorstellung.

Dinge ausdisktutieren, mal richtig die Fetzen fliegen lassen, um am Ende einen Kompromiss oder besser noch Konsens zu erzielen, das ist nach meinem Dafürhalten echte Kommunikation. Doch wo findet man noch echte Kommunikation? Heute fehlt in der Regel die Zeit dafür oder man nimmt sie sich nicht. Hinzu kommt die “Angst” davor, miteinander zu reden, zu argumentieren, seine Meinung zu begründen (Angst vor den Menschen: Anthropophobie - Wikipedia sei Dank), sicherlich auch ein Grund für die anonymisierten Informationsmüllhalden in den Intranets vieler Unternehmen. Schnell was geschrieben, liest eh keiner, und ab damit. “(S)hit and run” oder in Militärkreisen auch “fire and forget”, wobei solche Waffen in der Regel bzw. mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit das Ziel treffen und vernichten. Im bildlichen Sinne kann das auch Ergebnis unpersönlicher Kommunikation sein.

Status Quo: “Ich schreibe, also bin ich”
Meine Vision: “Ich rede, also wirke ich”.

Jetzt, wo Weihnachten vor der Türe steht, hoffe ich, dass Sie Zeit zum Reden finden oder sich Zeit zum Reden nehmen. Fangen Sie am besten in Ihrer Familie damit an. Frohes Fest!

P.S.:Kennen Sie das Märchen vom süßen Brei? Wenn nein, seien Sie gespannt auf den nächsten Post, denn dieses Märchen ist Realität.

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